Künstler/in vor Ort:Ashton Attzs
Zur Feier des Pride Month kreiert Künstler/in Ashton Attzs (em) ein farbenfrohes Wandbild für Ralph Lauren im Londoner Stadtteil Notting HillKünstler/in Ashton Attzs ist überzeugt, dass die Menschen immer Stolz („Pride“) empfinden sollten – und nicht nur einmal im Jahr für einen festgeschriebenen, temporären Zeitraum. „Ich halte es für wichtig, unsere Identitäten das ganze Jahr über zu zelebrieren“, sagt Attzs in einem Skype-Gespräch. „Und Stolz ist nichts, was wir auf nur eine bestimmte Woche oder einen bestimmten Monat beschränkten sollten.“
Trotz eines Alters von gerade einmal 22 Jahren, hat Attzs bereits eine steile Karriere mit farbenfrohen, emotionalen Arbeiten hingelegt, die oft Themen aufgreifen, die die LGBTQIA+-Community betreffen – wie psychische Gesundheit, Intersektionalität, die Morde an Trans-Personen und die weitgehende Normalisierung queerer Identitäten. Letzteres spielte eine Rolle für Attzs, ursprünglich aus Luton stammend, als em als Studierende/r an der Universität Central Saint Martins ems ersten großen Auftritt in der Kunstwelt wagte und am renommierten Evening Standard Art Prize teilnahm. Ems Kunstwerk „Don’t Stay in Ya Lane“ – das eine Reihe von Trans-Männern und genderqueeren Menschen mit Brustbandagen in einem Schwimmbad zeigt – rückte die Geschlechterdysphorie in den Fokus, die queere Menschen oft in Situationen empfinden, die für viele Cis-geschlechtliche Personen alltäglich sind. Das Werk erhielt den ersten Preis – und Attzs hat seither nicht mehr zurückgeblickt.
Nuancen von „Don't Stay in Ya Lane“ – das Teil einer Werkreihe von Attzs mit dem Titel „Queering the Quotidian“ war – finden sich auch in den Wandbildern wider, die em während das Pride Month in Notting Hill für Ralph Lauren schuf. Auf den Bildern versammeln sich verschiedene Charaktere, die sich ganz einfach selbst feiern. „Sie alle sitzen auf dem Sofa, tanzen, voguen und chillen und haben einfach eine gute Zeit“, sagt Attzs. „Es geht um die Bedeutung von Pride für die Community, aber in einem organischeren Sinne. Pride ist nicht nur diese Parade, die einmal im Jahr stattfindet, sondern etwas, das du in alltäglichen Situationen findest – allein, mit Freunden oder in der selbst gewählten Familie.“
Attzs findet, dass es nach der weltweiten COVID-19-Pandemie besonders wichtig ist, dass sich die Menschen Zeit nehmen, um sich zu feiern. Besonders da sich viele Menschen, wie Attzs betont, während der Lockdowns in einem Umfeld wiederfanden, in dem sie möglicherweise nicht als das akzeptiert wurden, was sie sind. „Das kann sich ziemlich beklemmend oder sogar erdrückend anfühlen“, sagt em. „Und das ist etwas, an das ich die Menschen erinnern wollte: Selbst wenn du das letzte Jahr in einem solchen Umfeld verbringen musstest, gibt es da draußen eine Gemeinschaft, die dich ohne Wenn und Aber für all das liebt, das du bist.“
Es ist ein ziemlich komplexes Sujet für ein Wandbild im Freien mitten in London, aber Attzs versieht ems Werken zudem ganz bewusst einen fröhlich-verspielten Anstrich. Denn während psychische Gesundheit seit Jahren immer wieder eine Rolle in Attzs Schaffen spielte, empfindet em die farbenfrohe, schnittige Ästhetik als einen wichtigen Zugangspunkt zu dem Werk. „Etwas, das mir sehr am Herzen liegt, sind identitätsbezogene Kunstwerke, die sich mit Aktivismus oder sozialen Themen beschäftigen“, erklärt Attzs. „Und viele Menschen denken bei politischer Kunst an etwas, das visuell recht düster wirkt. Aber ich war schon immer der Meinung, dass, nur weil du dich mit Dingen beschäftigt, die vielleicht eine tiefere Bedeutung haben, sie nicht unbedingt schwerere Emotionen hervorrufen müssen. Man kann durchaus Freude in den Menschen wecken und zugleich kompliziertere und ernstere Diskussionen anstoßen.“
Folgerichtig zog Attzs in den vergangenen Jahren weltweit mit ems filigranen Acryl-Gemälden und digitalen Illustrationen Blicke auf sich. Trotz ems jungen Alters konnte em sich bereits Partnerschaften mit Unternehmen wie Instagram sichern, für die em letztes Jahr einige digitale Sticker für Pride kreiert hat. Und em schuf eine Installation und die visuelle Identität für die Brit Awards 2020. Schaut man sich hingegen Attzs' Instagram-Feed an, wird ein/e andere/r Künstler/in sichtbar: jemand, die/der mit Vorliebe für sich selbst arbeitet und dabei simple Reflektionen der verstreichenden Zeit festhält (etwa mit dem Werk „Changing Seasons (The Man in the Yellow Coat)“ oder sich mit viel Liebe zum Detail der Zeichentrickfigur Avatar („Der Herr der Elemente“) oder der K-Popgruppe BTS widmet.
„Für mich ist das ein Weg, der Figur oder der Musik nahe zu sein“, sagt Attzs. „Etwas Eskapismus ist auch dabei, denn schließlich zeigt das Kunstwerk etwas, das ich sehr mag.“
Das ist es, was Attzs' Arbeit so besonders macht – diese Mischung aus Fröhlichkeit und Intimität, die tief blicken lässt, egal ob das Thema so eskapistisch ist wie ein Porträt einer Popgruppe oder so introspektiv wie ein Werk über psychische Gesundheit. Oder wie Attzs es zusammenfasst: „Ich denke, es geht einfach darum, Kunstwerke zu schaffen, mit denen sich die Leute identifizieren können und die mit ihren Gefühlen korrespondieren.“



