Um der Kunst
willen
Nach einer Pause ist New Yorks Kunstwelt in alter Form zurück. Wir stellen Ihnen sieben unserer grenzüberschreitenden Lieblingsshows vor, die nicht nur inspirierend und lehrreich sind, sondern auch zum Träumen anregen
Wer: Jasper Johns: Mind/Mirror Wo: Whitney Museum of American Art Wann: Bis 13. Februar 2022
Ob der 91-jährige Jasper Johns über sein Vermächtnis nachdenkt, ist schwer zu sagen – aber die Museen tun es auf jeden Fall. 2018 gab es im Museum The Broad in Los Angeles eine große Retrospektive mit 120 seiner Werke. Und diesen Herbst veranstalten das Whitney und das Philadelphia Museum of Art gemeinsam die Ausstellung Mind/Mirror, eine umfassende Retrospektive mit knapp 500 Gemälden, Skulpturen, Drucken und Zeichnungen – allen voran seine berühmten Flaggenbilder. In diesen Werken kommen sowohl die amerikanische Kunst als auch der amerikanische Blick zum Ausdruck. Johns' älteste Werke stammen aus den 1950er-Jahren – einer Zeit, in der er die wilden, sensationellen Formen des abstrakten Expressionismus ablehnte, die die New Yorker Kunstwelt dominierten. Er nutzte wohlbekannte Symbole wie die amerikanische Flagge und Zielscheiben als Vehikel für einen persönlichen inneren Dialog. Auch Wortspiele waren ein beliebtes Motiv. Sie werden diese Werke aus sieben Jahrzehnten und das, was in ihnen dargestellt ist, wiedererkennen. Es sind Arbeiten, in denen sich Auffassungen von Erinnerung und Realität sowie von Abbildung und Wahrnehmung gegenseitig abstoßen und anziehen. Anhand seiner Pinselstriche und seiner Sprache lässt sich erkennen, dass hier ein Spaßvogel, ein Witzbold, ein Philosoph am Werk ist. Was Sie sehen, ist nicht das, was Sie bekommen. Der Spiegel (Mirror) und der Geist (Mind) sind nie ganz auf einer Wellenlänge – und in diesem Spannungsverhältnis finden wir den Raum, in dem wir herausfinden können, wer wir sind.
Wer: Curran Hatleberg Wo: Higher Pictures Generation Wann: Bis 27. November 2021
Curran Hatleberg ist einer der fesselndsten Fotografen unserer Zeit und für diese Fotos nahm er sein Talent mit auf Reisen. Der Künstler – der in die Fußstapfen von Robert Frank, Garry Winogrand und Ryan McGinley tritt – hat Amerika mit dem Auto erkundet, „um die Abgründe des amerikanischen Traums des weißen Mannes zu erkunden”, sagt die Kuratorin Marina Chao. Das Interessante an diesen Fotos ist, dass dieser „Mann” kaum zu sehen ist. Hatleberg beschäftigte sich intensiv mit zwischenmenschlichen Interaktionen und mit Menschen in ihrem Umfeld. In Werken, die eher mit der Straßenfotografie von Ed Ruscha als mit der von Robert Frank verglichen werden können, sehen wir Landschaften und Szenen, in denen der Mensch kaum vorkommt: eine wahrhaft leere Straße, ein Hund, der durch eine Eingangstür mit einem kaputten Fliegengitter geht, ein aufgehängter toter Alligator. In dieser post-pandemischen Zeit der Neubeurteilung, in der viele von uns – einschließlich Hatleberg – über unsere Werte, unsere Beziehungen und unseren Platz in der Welt nachdenken, zwingt er uns dazu, Raum und Ort zu betrachten und zu überlegen, was wir abgelegt und wo wir uns hinbewegt haben. Bei der Betrachtung dieser Fotos stellt man sich unweigerlich so bedeutende Fragen wie: „Wo bin ich?”
Wer: Robert Rauschenberg: Channel Surfing Wo: Pace Gallery Wann: Bis 23. Oktober 2021
Was man über die jüngeren Werke von Robert Rauschenberg – dessen „Kombinationen” (dreidimensionaler Mixed-Media-Arbeiten) der 50er- und 60er-Jahre den Schalter für Collage, Gemälde und Skulptur umgelegt hat – wissen sollte, ist, dass der Fernseher in seinem Atelier immer an, aber die Lautstärke fast immer aus war. In dieser Ausstellung sind Werke aus Rauschenbergs letzten 25 Jahren (er starb 2008) und seine Rückkehr zu Malerei und Skulptur zu sehen. Während Künstler der Pictures Generation, wie Richard Prince, sich andere Quellen zunutze machten, tat Rauschenberg – ein Vorreiter der Appropriation Art – genau das Gegenteil und verwendete seine eigenen Fotos. Gleichzeitig arbeitete er in einer Zeit, in der man dem Kabelfernsehen, der Globalisierung und den Massenmedien nicht entkommen konnte. Die Arbeit mag autobiografischer werden, aber die Welt ist immer zum Greifen nah – so wie der Fernseher in seinem Atelier. In Channel Surfing unternimmt einer von Amerikas größten Innovatoren mit seiner Rückkehr zur Malerei und zu Skulpturen aus gefundenen Objekten einen letzten Versuch, die Grenzen der Kunst zu durchbrechen. „Dies ist die Geschichte, wie Rauschenberg sich neu erfindet”, sagt Oliver Shultz, der leitende Kurator von Pace, „und gleichzeitig zu einer früheren Sprache zurückkehrt”.
Wer: LeRoy Neiman: What’s the Score? The Posters of LeRoy Neiman Wo: Poster House Wann: Bis 27. März 2022
Auf die Frage nach seinen Träumen antwortete Frank Sinatra einmal, dass sie die Farben von LeRoy Neiman hätten. Neiman, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, war für seine lebhafte, kinetische Darstellung amerikanischer Sportarten und anderer Freizeitaktivitäten berühmt. Seine detaillierten Illustrationen bewirken, dass sich der Betrachter mitten im Geschehen wiederfindet, und sie fangen eine ganze Sportart und den Sportsgeist eines Wettkampfes ein. Diesen Herbst können Sie sich im Poster House seine Arbeiten in ihrer ganzen Pracht anschauen – dank einer mehr als 100 Werke umfassenden Schenkung der LeRoy Neiman Foundation. Hier sehen Sie Sinatra, Muhammad Ali und andere amerikanische Kulturikonen (von denen viele Neimans Freunde und Musen waren). Aber noch besser als die berühmten Gesichter ist Neimans einzigartiger, handlungsorientierter Stil der gezeichneten Jazzmusiker, Golf- und Tennisspieler und Olympioniken. „Er fängt jemanden ein”, sagt Tara Zabor, die geschäftsführende Direktorin der LeRoy Neiman Foundation. „Wenn Sie sich den Stabhochspringer mitten im Sprung ansehen, dann stellen Sie sich den Rest der Bewegung bildlich vor. Neiman bringt Sie zum Höhepunkt des Geschehens.” Seine Poster sind nicht nur legendär, sondern auch fesselnd.
Wer: Etel Adnan: Light’s New Measure Wo: Solomon R. Guggenheim Museum Wann: Bis 10. Januar 2022
Etel Adnan legte sich einst mit einer ganzen Sprache an. In den 1950er-Jahren, als Adnan Philosophieprofessorin in Kalifornien war, und Frankreich Algerien beherrschte, weigerte sich die im Libanon geborene Romanautorin, Journalistin, Dichterin und Künstlerin, weiterhin auf Französisch zu schreiben. Von diesem Zeitpunkt an würde sie – wie sie sagte – nur noch „auf Arabisch malen”. Viele von Adnans geschriebenen Werken durchzieht ein starkes Gefühl von Moral und sozialer Gerechtigkeit, und auch wenn ihre großen geometrischen Landschaften stark vereinfacht erscheinen mögen, so stecken in diesen Momenten dennoch Welten. Ein einzelner blauer Streifen wird zum Pazifischen Ozean, und wir sehen die Umrisse des Mount Tamalpais – der stets dem Ausblick von ihrem Haus im kalifornischen Sausalito ähnelt. Es ist ihre Welt, aber auch unsere. Etel Adnan nutzt ihre Eindrücke – geometrische Landschaften, die irgendwo zwischen dem Figurativen und dem Abstrakten einzuordnen sind – um das Potenzial des Menschen durch unsere natürliche Welt zum Ausdruck zu bringen. Diese Werke sind ohne Schnickschnack und Schnörkel gemalt, aber mit absoluter Intention, Präzision und Power. Wenn Sie die ersten beiden Stockwerke von Frank Lloyd Wrights Rotunde hinaufgehen, finden Sie Adnans Gemälde, Wandteppiche und Zeichnungen. Mit ihren sich wiederholenden Formen nutzen diese Werke die kleinsten Momente, um uns zu zeigen, wie eine Szene oder ein Blick alles ordnen oder durcheinanderbringen kann.
Wer: Rashid Johnson Wo: Storm King Wann: Andauernd
Es gibt viele Gründe, Storm King an einem Herbsttag zu besuchen, wenn die Blätter an den Bäumen sind (oder auf dem Boden liegen, je nach Jahreszeit Ihres Besuchs). Es ist von New York aus ein perfekter Tagesausflug, und eine vergleichbare Sammlung großer Werke von solch berühmten Künstlern an einem einzigen Ort dürfte nur schwer zu finden sein (hier sind sie alle versammelt: Louise Bourgeois, Alexander Calder, Mark di Suvero und Sol LeWitt). Seit April 2021 gibt es ein neues Ausstellungsstück, ein Werk von Rashid Johnson. Es heißt „Crisis” und ist nach Harold Cruses The Crisis of the Negro Intellectual benannt, einem einflussreichen Buch der Bürgerrechtsbewegung. Das fast fünf Meter hohe, leuchtend gelbe Stahlgitter steht auf einem der Felder von Storm King und zeugt sowohl von der Gegenwart als auch von der Vergangenheit. Johnson hat das Werk 2019 gebaut, als es in den Nachrichten täglich Diskussionen über die „Krise an der Grenze” gab. Das robuste lackierte Gitter – das ein Fremdkörper auf dem Feld ist und sich gleichzeitig perfekt in die Umgebung einfügt – steht für Gefahr und Angst und für die Orte, an denen wir uns aufhalten und nicht aufhalten dürfen. Diese große Skulptur heißt uns willkommen und ist dennoch undurchdringbar. Sie ist großartig, komplex und furchterregend zugleich.
Wer: Katelyn Eichwald: Never Wo: Fortnight Institute Wann: Bis 24. Oktober 2021
Katelyn Eichwalds Werke sind mysteriös. Ihre Gemälde verfolgen einen und sind doch voller Möglichkeiten. Sie sind trüb, traumähnlich und gleichzeitig unheimlich präzise. Eine Schlinge liegt ineinander verschlungen auf dem Boden. Ein eleganter Finger zieht einen Ärmel hoch, um das Zifferblatt einer klassischen Uhr betrachten zu können. Dies sind Film Noirs mit einem Hauch von Horror, die auf Leinwand in Szene gesetzt werden. Eichwald verwendet Ölfarbe, aber kreiert mithilfe kleiner runder Pinsel eine dunstige, rauchige Textur. Sie lässt die Farbe tief in den Stoff eindringen, fast wie ein Färbemittel. In diesen dunkeln Schemen finden sich unerwartete Charaktere, aber die Spannung ist stets präsent und der Einsatz ist immer hoch. „Wenn man ihre Werke betrachtet, gibt es keine Lösung”, sagt Fabiola Alondra, die Ko-Direktorin von Fortnight. „Sie lassen den Betrachter am Rand hängen, was dazu beiträgt, ihn in das Werk hineinzuziehen. Sie sind auch sehr kinematisch, aber mir gefällt, dass sie nicht grell sind. Sie sind dezent. Sie haben etwas Unheimliches, das ich liebe.” Und das wird Sie bestimmt genauso begeistern wie mich.
Wer: Jasper Johns: Mind/Mirror Wo: Whitney Museum of American Art Wann: Bis 13. Februar 2022
Ob der 91-jährige Jasper Johns über sein Vermächtnis nachdenkt, ist schwer zu sagen – aber die Museen tun es auf jeden Fall. 2018 gab es im Museum The Broad in Los Angeles eine große Retrospektive mit 120 seiner Werke. Und diesen Herbst veranstalten das Whitney und das Philadelphia Museum of Art gemeinsam die Ausstellung Mind/Mirror, eine umfassende Retrospektive mit knapp 500 Gemälden, Skulpturen, Drucken und Zeichnungen – allen voran seine berühmten Flaggenbilder. In diesen Werken kommen sowohl die amerikanische Kunst als auch der amerikanische Blick zum Ausdruck. Johns' älteste Werke stammen aus den 1950er-Jahren – einer Zeit, in der er die wilden, sensationellen Formen des abstrakten Expressionismus ablehnte, die die New Yorker Kunstwelt dominierten. Er nutzte wohlbekannte Symbole wie die amerikanische Flagge und Zielscheiben als Vehikel für einen persönlichen inneren Dialog. Auch Wortspiele waren ein beliebtes Motiv. Sie werden diese Werke aus sieben Jahrzehnten und das, was in ihnen dargestellt ist, wiedererkennen. Es sind Arbeiten, in denen sich Auffassungen von Erinnerung und Realität sowie von Abbildung und Wahrnehmung gegenseitig abstoßen und anziehen. Anhand seiner Pinselstriche und seiner Sprache lässt sich erkennen, dass hier ein Spaßvogel, ein Witzbold, ein Philosoph am Werk ist. Was Sie sehen, ist nicht das, was Sie bekommen. Der Spiegel (Mirror) und der Geist (Mind) sind nie ganz auf einer Wellenlänge – und in diesem Spannungsverhältnis finden wir den Raum, in dem wir herausfinden können, wer wir sind.
Wer: Curran Hatleberg Wo: Higher Pictures Generation Wann: Bis 27. November 2021
Curran Hatleberg ist einer der fesselndsten Fotografen unserer Zeit und für diese Fotos nahm er sein Talent mit auf Reisen. Der Künstler – der in die Fußstapfen von Robert Frank, Garry Winogrand und Ryan McGinley tritt – hat Amerika mit dem Auto erkundet, „um die Abgründe des amerikanischen Traums des weißen Mannes zu erkunden”, sagt die Kuratorin Marina Chao. Das Interessante an diesen Fotos ist, dass dieser „Mann” kaum zu sehen ist. Hatleberg beschäftigte sich intensiv mit zwischenmenschlichen Interaktionen und mit Menschen in ihrem Umfeld. In Werken, die eher mit der Straßenfotografie von Ed Ruscha als mit der von Robert Frank verglichen werden können, sehen wir Landschaften und Szenen, in denen der Mensch kaum vorkommt: eine wahrhaft leere Straße, ein Hund, der durch eine Eingangstür mit einem kaputten Fliegengitter geht, ein aufgehängter toter Alligator. In dieser post-pandemischen Zeit der Neubeurteilung, in der viele von uns – einschließlich Hatleberg – über unsere Werte, unsere Beziehungen und unseren Platz in der Welt nachdenken, zwingt er uns dazu, Raum und Ort zu betrachten und zu überlegen, was wir abgelegt und wo wir uns hinbewegt haben. Bei der Betrachtung dieser Fotos stellt man sich unweigerlich so bedeutende Fragen wie: „Wo bin ich?”
Wer: Robert Rauschenberg: Channel Surfing Wo: Pace Gallery Wann: Bis 23. Oktober 2021
Was man über die jüngeren Werke von Robert Rauschenberg – dessen „Kombinationen” (dreidimensionaler Mixed-Media-Arbeiten) der 50er- und 60er-Jahre den Schalter für Collage, Gemälde und Skulptur umgelegt hat – wissen sollte, ist, dass der Fernseher in seinem Atelier immer an, aber die Lautstärke fast immer aus war. In dieser Ausstellung sind Werke aus Rauschenbergs letzten 25 Jahren (er starb 2008) und seine Rückkehr zu Malerei und Skulptur zu sehen. Während Künstler der Pictures Generation, wie Richard Prince, sich andere Quellen zunutze machten, tat Rauschenberg – ein Vorreiter der Appropriation Art – genau das Gegenteil und verwendete seine eigenen Fotos. Gleichzeitig arbeitete er in einer Zeit, in der man dem Kabelfernsehen, der Globalisierung und den Massenmedien nicht entkommen konnte. Die Arbeit mag autobiografischer werden, aber die Welt ist immer zum Greifen nah – so wie der Fernseher in seinem Atelier. In Channel Surfing unternimmt einer von Amerikas größten Innovatoren mit seiner Rückkehr zur Malerei und zu Skulpturen aus gefundenen Objekten einen letzten Versuch, die Grenzen der Kunst zu durchbrechen. „Dies ist die Geschichte, wie Rauschenberg sich neu erfindet”, sagt Oliver Shultz, der leitende Kurator von Pace, „und gleichzeitig zu einer früheren Sprache zurückkehrt”.
Wer: LeRoy Neiman: What’s the Score? The Posters of LeRoy Neiman Wo: Poster House Wann: Bis 27. März 2022
Auf die Frage nach seinen Träumen antwortete Frank Sinatra einmal, dass sie die Farben von LeRoy Neiman hätten. Neiman, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, war für seine lebhafte, kinetische Darstellung amerikanischer Sportarten und anderer Freizeitaktivitäten berühmt. Seine detaillierten Illustrationen bewirken, dass sich der Betrachter mitten im Geschehen wiederfindet, und sie fangen eine ganze Sportart und den Sportsgeist eines Wettkampfes ein. Diesen Herbst können Sie sich im Poster House seine Arbeiten in ihrer ganzen Pracht anschauen – dank einer mehr als 100 Werke umfassenden Schenkung der LeRoy Neiman Foundation. Hier sehen Sie Sinatra, Muhammad Ali und andere amerikanische Kulturikonen (von denen viele Neimans Freunde und Musen waren). Aber noch besser als die berühmten Gesichter ist Neimans einzigartiger, handlungsorientierter Stil der gezeichneten Jazzmusiker, Golf- und Tennisspieler und Olympioniken. „Er fängt jemanden ein”, sagt Tara Zabor, die geschäftsführende Direktorin der LeRoy Neiman Foundation. „Wenn Sie sich den Stabhochspringer mitten im Sprung ansehen, dann stellen Sie sich den Rest der Bewegung bildlich vor. Neiman bringt Sie zum Höhepunkt des Geschehens.” Seine Poster sind nicht nur legendär, sondern auch fesselnd.
Wer: Etel Adnan: Light’s New Measure Wo: Solomon R. Guggenheim Museum Wann: Bis 10. Januar 2022
Etel Adnan legte sich einst mit einer ganzen Sprache an. In den 1950er-Jahren, als Adnan Philosophieprofessorin in Kalifornien war, und Frankreich Algerien beherrschte, weigerte sich die im Libanon geborene Romanautorin, Journalistin, Dichterin und Künstlerin, weiterhin auf Französisch zu schreiben. Von diesem Zeitpunkt an würde sie – wie sie sagte – nur noch „auf Arabisch malen”. Viele von Adnans geschriebenen Werken durchzieht ein starkes Gefühl von Moral und sozialer Gerechtigkeit, und auch wenn ihre großen geometrischen Landschaften stark vereinfacht erscheinen mögen, so stecken in diesen Momenten dennoch Welten. Ein einzelner blauer Streifen wird zum Pazifischen Ozean, und wir sehen die Umrisse des Mount Tamalpais – der stets dem Ausblick von ihrem Haus im kalifornischen Sausalito ähnelt. Es ist ihre Welt, aber auch unsere. Etel Adnan nutzt ihre Eindrücke – geometrische Landschaften, die irgendwo zwischen dem Figurativen und dem Abstrakten einzuordnen sind – um das Potenzial des Menschen durch unsere natürliche Welt zum Ausdruck zu bringen. Diese Werke sind ohne Schnickschnack und Schnörkel gemalt, aber mit absoluter Intention, Präzision und Power. Wenn Sie die ersten beiden Stockwerke von Frank Lloyd Wrights Rotunde hinaufgehen, finden Sie Adnans Gemälde, Wandteppiche und Zeichnungen. Mit ihren sich wiederholenden Formen nutzen diese Werke die kleinsten Momente, um uns zu zeigen, wie eine Szene oder ein Blick alles ordnen oder durcheinanderbringen kann.
Wer: Rashid Johnson Wo: Storm King Wann: Andauernd
Es gibt viele Gründe, Storm King an einem Herbsttag zu besuchen, wenn die Blätter an den Bäumen sind (oder auf dem Boden liegen, je nach Jahreszeit Ihres Besuchs). Es ist von New York aus ein perfekter Tagesausflug, und eine vergleichbare Sammlung großer Werke von solch berühmten Künstlern an einem einzigen Ort dürfte nur schwer zu finden sein (hier sind sie alle versammelt: Louise Bourgeois, Alexander Calder, Mark di Suvero und Sol LeWitt). Seit April 2021 gibt es ein neues Ausstellungsstück, ein Werk von Rashid Johnson. Es heißt „Crisis” und ist nach Harold Cruses The Crisis of the Negro Intellectual benannt, einem einflussreichen Buch der Bürgerrechtsbewegung. Das fast fünf Meter hohe, leuchtend gelbe Stahlgitter steht auf einem der Felder von Storm King und zeugt sowohl von der Gegenwart als auch von der Vergangenheit. Johnson hat das Werk 2019 gebaut, als es in den Nachrichten täglich Diskussionen über die „Krise an der Grenze” gab. Das robuste lackierte Gitter – das ein Fremdkörper auf dem Feld ist und sich gleichzeitig perfekt in die Umgebung einfügt – steht für Gefahr und Angst und für die Orte, an denen wir uns aufhalten und nicht aufhalten dürfen. Diese große Skulptur heißt uns willkommen und ist dennoch undurchdringbar. Sie ist großartig, komplex und furchterregend zugleich.
Wer: Katelyn Eichwald: Never Wo: Fortnight Institute Wann: Bis 24. Oktober 2021
Katelyn Eichwalds Werke sind mysteriös. Ihre Gemälde verfolgen einen und sind doch voller Möglichkeiten. Sie sind trüb, traumähnlich und gleichzeitig unheimlich präzise. Eine Schlinge liegt ineinander verschlungen auf dem Boden. Ein eleganter Finger zieht einen Ärmel hoch, um das Zifferblatt einer klassischen Uhr betrachten zu können. Dies sind Film Noirs mit einem Hauch von Horror, die auf Leinwand in Szene gesetzt werden. Eichwald verwendet Ölfarbe, aber kreiert mithilfe kleiner runder Pinsel eine dunstige, rauchige Textur. Sie lässt die Farbe tief in den Stoff eindringen, fast wie ein Färbemittel. In diesen dunkeln Schemen finden sich unerwartete Charaktere, aber die Spannung ist stets präsent und der Einsatz ist immer hoch. „Wenn man ihre Werke betrachtet, gibt es keine Lösung”, sagt Fabiola Alondra, die Ko-Direktorin von Fortnight. „Sie lassen den Betrachter am Rand hängen, was dazu beiträgt, ihn in das Werk hineinzuziehen. Sie sind auch sehr kinematisch, aber mir gefällt, dass sie nicht grell sind. Sie sind dezent. Sie haben etwas Unheimliches, das ich liebe.” Und das wird Sie bestimmt genauso begeistern wie mich.
- Mit freundlicher Genehmigung des Whitney Museum of American Art
- Mit freundlicher Genehmigung von Higher Pictures Generation
- Mit freundlicher Genehmigung der Pace Gallery
- Mit freundlicher Genehmigung von Poster House
- Mit freundlicher Genehmigung des Solomon R. Guggenheim Museum
- Mit freundlicher Genehmigung von Storm King
- Mit freundlicher Genehmigung des Fortnight Institute



