Abseits der ausgetretenen Pfade: Der Insider-Reiseratgeber für Mailand
Gerade zur rechten Zeit für die 60. Salone del Mobile Milano stellen uns sieben Experten aus der Welt von Mode, Design und Architektur ihre architektonischen Lieblingsorte in der Stadt vor„In der Dämmerung sahen wir die Menschen an, die großartige Galleria und einander.“
—Ernest Hemingway, 1918
Genau hierher kann einen Design in Mailand führen: zur Galleria. Genauer genommen der „Galleria Vittorio Emanuele II“, einer Einkaufspassage im Herzen von Mailand. Aber worauf Hemingway hinaus wollte, der als junger Krankenwagenfahrer im 1. Weltkrieg sechs Monate zur Genesung in Mailand verbrachte, war, wie augenfällig in Mailand Design – antikes wie modernes – genutzt wird, um Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu versöhnen. Und um Menschen, Handel, Liebende und Fremde einander näher zu bringen: in Ehrfurcht, zum Vergnügen, zum Lieben.
Besucher wie Einheimische werden sich im Sommer 2022 an dieser Konstruktion erfreuen, wenn die Mailänder Möbelmesse, „Salone del Mobile Milano“, zum 60. Mal ihre Tore öffnet. Durchschnittlich kommen zur stadtweiten Messe jedes Jahr 370.000 Besucher, und sie ist in Kategorien wie klassische Handwerkskunst, Funktionalität, Innovation und Luxussegment unterteilt. Museen, Plätze und Paläste werden von Designern, Marken und Showrooms übernommen: Die gesamte Stadt wird in dieser Zeit zum Schaukasten für die edelsten, am besten durchdachten und am meisten zukunftsorientierten Einrichtungslösungen der Welt.
Vom 7. bis 12. Juni wird es eine Fülle an Ausstellungen zu erkunden geben. Dabei sollte allerdings die Stadt, in der die Messe stattfindet, nicht ins Hintertreffen geraten. Denn Mailand ist ein architektonisches Juwel. Hier vereinen sich Klassik und Moderne zu einem Tanz von zeitloser, ausdrucksvoller Schönheit.
Kurz vor Eröffnung der „Salone“ baten wir Stilexperten—vom Chefredakteur des Galerie-Magazins zum Design- und Innenarchitekten von T: The New York Times Style Magazine—uns die schönsten Ecken von Mailand zu zeigen. Sie laden uns ein zu einem kleinen architektonischen Spaziergang:
1
Villa Necchi
„Die Familie, in deren Besitz die Villa Necchi ist, wurde als die Sängerin von Italien bezeichnet“, berichtet Architekt Brian Sawyer und bezieht sich damit auf die Schwestern Gigina und Nedda Necchi sowie Angelo Campiglio, Giginas Ehemann. Die Unternehmer bauten das Haus zwischen 1932 und 1935 und wohnten darin, bis es im Jahr 2000 in staatliche Obhut übergeben wurde. (Seit 2008 ist es als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich.) „Das Gebäude ist die Apotheose der italienischen Moderne“, so Sawyer. „Vermutlich ist es eines der interessantesten Beispiele für eine klassische italienische Villa, allerdings in moderner Ausführung.“ Filmliebhaber erkennen sicher die geraden Linien, die wunderschöne Palisanderholztäfelung und die großzügigen Badezimmer aus Marmor aus Luca Guadagninos Film I Am Love von 2009 wieder. Designbegeisterte kommen jedoch hierher, um das Werk des Architekten Piero Portaluppi zu bestaunen, dessen rationalistische Vision in diesem perfektionierten Bauwerk gipfelte. „Proportion und Maßstab der Villa sind durch und durch traditionell-klassisch“, führt Sawyer aus. „Die Materialität jedoch hebt sich deutlich davon ab. Wir sprechen zum Beispiel von Terrazzoböden im Badezimmer, die überraschende Verwendung von Marmor für Badewannen.“ Der rationalistische Stil entstand in den 1920er-Jahren unter Mussolini, und ist laut Definition eher „bieder“. „Unter den Händen der richtigen Person wurde daraus etwas Erlesenes“, meint Sawyer. „Die Villa ist ein Zeugnis der allerbesten italienischen Gestaltungskunst aus dieser Epoche. Alles an einem Ort: Architektur, Inneneinrichtung, Garten. Es bildet eine Einheit.“
2
Ristorante Cracco
Nach der Neugestaltung 2018 durch Studio Peregalli ist das richtungsweisende Restaurant mit Michelin-Stern unter Chefkoch Carlo Cracco der absolute Höhepunkt für hohe Kochkunst und Design. Das Cracco befindet sich in der Galleria (siehe unten) und reicht über ganze fünf Etagen. Tatsächlich sind es mehrere Restaurants in einem. „Je höher man kommt, desto edler wird es“, erläutert Jacqueline Terrebonne, Chefredakteurin bei der Zeitschrift Galerie. „Angefangen von einem Café mit Weinbar bis hin zum Fine Dining im Restaurant ganz oben, von wo Sie über das gesamte Einkaufszentrum blicken. Und das Essen ist beinahe so theatralisch wie die Interieurs, die für das Ristaurante geschaffen wurden“, fügt sie hinzu. Terrebonne gefallen das Mauerwerk des Restaurants und die vielen Spiegel. Vor allem aber begeistert sie die sich steigernde Ausschmückung der Räume von unten nach oben. „Im obersten Stock wird man von einer Holzvertäfelung in einem ausgewaschenen, ausgeblichenen Blaugrün empfangen, auf der bombastische Blüten in Blau-, Gelb- und Rosatönen prangen. Die Speiseräume werden von Gold und Spiegeln dominiert – auf Mailänder Art äußerst opulent und dabei doch elegant. Man fühlt sich in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt“, meint Terrebonne.
3
Museo Bagatti Valsecchi
Das Museo Bagatti Valsecchi lässt manche an eine Mailänder Ausgabe von Grey Gardens denken, doch mit einer gehörigen Dosis mehr Geschichte, mehr Geld und besserem Geschmack. Traditionell war es das Zuhause der Familie Valsecchi, das die Brüder Baron Fausto Valsecchi und Baron Giuseppe Bagatti Valsecchi seit den 1880er-Jahren mit Schätzen zu füllen begannen, die Italiens romantischste Epoche heraufbeschwörten. „Ende des 19. Jahrhunderts wurde es modern, Dinge herzustellen, die aussahen, als ob sie aus dem 16. Jahrhundert stammten. Und genau in diese Epoche fühlt man sich hier zurückversetzt“, erklärt Tom Delavan, Direktor für Design und Inneneinrichtung bei T: The New York Times Style Magazine. Bei einem Rundgang durch das Museum wirken die Gemälde aus dem 15. Jahrhundert, als wären sie Teil des Raumes, die übermäßig verzierten „cassones“ wurden wirklich zur Aufbewahrung genutzt, und die mächtigen Himmelbetten waren tatsächlich zum Schlafen gedacht. „Auch Rüstungen gibt es. Und wenn Sie sich für Holzarbeiten interessieren, sind die Deckendetails und Bettverzierungen faszinierend“, kommentiert William Hanley, Chefredakteur bei Dwell. „Eine Duschwanne ist mit geschnitzten Eidechsen verziert, und für mich zählen diese zu den dekorativsten Elementen der Kunst, die ich kenne“, führt er fort. Und das Beste: Das Haus wirkt ganz und gar nicht wie ein Museum. „Man hat das Gefühl, durch ein bewohntes Privathaus zu spazieren. Es wird deutlich, dass hier wirklich Menschen gelebt haben“, so Delavan.
4
Altai
Etwas nördlich der Innenstadt, um die Porta Garibaldi herum, findet sich eine Ansammlung aus kleinen Geschäften, Straßencafés und Fußgängerstraßen wie dem Corso Como. (Das Viertel erhielt seinen Namen nach dem Garibaldi-Tor, einem durch und durch neoklassizistischen Bogen). In der Via Pinamonte 6 stoßen Käufer und Käuferinnen auf Altai, einen Teppichhandel, der sowohl was Auswahl als auch Geschmack angeht, seinesgleichen sucht. Das Geschäft im Besitz von Raffaele Carrieri und seiner Frau Elisa zählt die renommiertesten Trendsetter Italiens zu seinen Kunden: Nino Cerruti, Alberto Aspesi sowie die Familie Agnelli. Hier finden Sie mit Sicherheit ausgesuchte, ungewöhnliche und wunderschöne Berber, Filze, Kelims sowie Vorleger aus der Sahara. Doch Raffaele und Elisa Carrieri sammeln und verkaufen nicht nur Teppiche, sie kuratieren in Zusammenarbeit mit Experten wie Museumshistorikern und Anthropologen zudem Ausstellungen mit Teppichen, die sie entlang der ältesten Handelsrouten der Welt entdecken. „Ganz ehrlich: Hier sehen Sie Dinge, die Sie nie zuvor zu Gesicht bekommen haben“, schwärmt Delavan. „Unter anderem fantastische Suzanis und Tülüs. Und während der Möbelmesse bietet das Geschäft den Rahmen für eine sagenhafte Ausstellung. Mit dem Ausgangspunkt einer bestimmten Art Teppich machen sich die Eigentümer auf die Suche nach den allerbesten Exemplaren: Sie pflastern das Geschäft buchstäblich mit Teppichen in Museumsqualität.“ Stellen Sie sich Altai wie ein Museum vor, in dem Sie die Gelegenheit haben, die Ausstellungsobjekte käuflich zu erwerben. Alternativ können sie sich hier auch einfach nur umschauen, was genauso viel Spaß machen und inspirieren kann.
5
Der Torre Velasca
„Der Torre Velasca ist unser „alternativer Dom“. Etwas anmaßend ausgedrückt vielleicht. Aber das Hochhaus macht etwas her“, meint Marco Velardi, Herausgeber und Mitbegründer der Zeitschrift Apartamento. Der markante Torre Velasca wurde 1958 fertiggestellt, und mit seiner Pilzform interpretierte er die Architektur einer traditionellen mittelalterlichen Burg oder Festung aus der Lombardei. Die Idee geht auf eine Gruppe Mailänder Architekten namens BBPR zurück, die versuchten, mit ihrer Version der wohl klassischsten aller großen architektonischen Bemühungen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schlagen. Die Reaktion auf die Enthüllung des Gebäudes war, kurz gesagt, brutal. Das Bauwerk wurde als Rückschritt für die moderne Architektur beschimpft und wird bis heute oft verlacht. „Die meisten haben eine Meinung dazu: Sie lieben es, ihren Hass auf das Hochhaus kundzutun“, erläutert Velardi. Wie es unweit des Duomo das Stadtzentrum überragt, scheint das gemischt für Gewerbe und Wohnungen genutzte Gebäude mit dem Finger auf alle traditionellen, wunderschönen Kuppelbauten zu zeigen, für die Mailand berühmt ist. „Es sticht aus der Menge heraus. Und in all seiner Absonderlichkeit lässt es sich im Mailänder Kontext tatsächlich als schön bezeichnen“, meint Velardi. „Allgemein wird es jedoch als Ausdruck eines brutalen Mailands gesehen, nicht des schönen.“ Im Jahr 2011 wurde der Torre Velasca als historisches Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.
6
San Carlo al Lazzaretto (und ein „Aperitivo“)
San Carlo al Lazzaretto wurde zwischen 1558 und 1592 erbaut und ist eine ungewöhnliche, achteckige Kirche im Renaissance-Stil. Sie ist unbedingt einen Besuch wert, doch der Innenarchitekt Eric Egan fordert Sie zusätzlich dazu auf, sich auch die nähere Umgebung anzusehen. „In Mailand wird die Tradition des „aperitivo“ zelebriert. Ich möchte Sie dazu ermuntern, Ihren Aperitif jeden Tag in einem anderen Stadtteil zu trinken“, schlägt er vor. Direkt neben San Carlo al Lazzaretto befindet sich die Bar Memà Cafè, mit Tischen am Straßenrand und kleinen sizilianischen Köstlichkeiten. Die benachbarten Gebäude bilden einen „Zusammenfluss von Geschichte und modernem Leben, Wange an Wange sozusagen“. Egan betrachtet die Tradition des Aperitivo als Ausdruck von Mailands Erfolg als Weltstadt, der in den 1990er-Jahren nach einem langen Dornröschenschlaf seinen Anfang nahm. Auch der Bereich um die Bar Radetzky am Largo Claudio Treves, am Rand des Stadtviertels Brera, gefällt ihm. Hier verbringt er gerne den Nachmittag und sieht dem Treiben der Mailänder aus allen Gesellschaftsschichten und jeden Alters auf dem Platz zu. „Der perfekte Ort, um Leute zu beobachten“, meint er.
7
Planetario di Milano
In den Parkanlagen an der Porta Venezia liegt das Planetarium, bei dem es sich um ein weiteres Gebäude von Piero Portaluppi handelt, dem Erbauer der Villa Necchi. „Es ist einfach wundervoll und mit genauso außergewöhnlichen Details geschmückt wie die Villa Necchi. Bei jedem Besuch entdeckt man etwas Neues“, meint Terrebonne. „Bereits die Fassade zeigt so viele Einzelheiten zu den Themen Planeten und Astronomie. Da sind zum Beispiel kleine Sterne, die wie ausgeschnitten wirken – auf beinahe kindliche, spielerische Art – und dabei doch außerordentlich komplex sind“, erläutert sie. Terrebonne möchte, dass Besucher auch die Farbgebung Portaluppis schätzen lernen: gelbe Mauerflächen und ein Dach in wunderschönem Kornblumenblau als Kontrast zum Travertin-Marmor des Gebäudes. „An der Seite fallen einem die ulkigen Fenster ins Auge, die um die Ecke gehen. Es gibt eine kleine Seitentür, und sämtliche Türen sind mit Schnitzereien verziert. Und alle diese architektonischen Erfindungen werden in einem Gebäude realisiert, dessen Fassade schlicht, klassisch und palladianisch ausgeführt ist.“
8
Die Galleria
„Immer, wenn ich in Mailand bin, gehe ich in die Galleria”, stellt Bruce Pask fest, Fashion Director für Herrenmode bei Bergdorf Goodman und Neiman Marcus. Die Galleria wurde 1877 eröffnet und umfasst zwei Arkaden, die von einem Dach aus Glas und Gusseisen überspannt ist und den Domplatz, Piazza del Duomo, mit der Piazza della Scala verbindet. „Eine äußerst prunkvolle Ausgabe der überdachten Einkaufspassagen, die wir aus London kennen, beispielsweise die Burlington Arcade. Auch in Paris gibt es sie in kleinerer Ausführung“, so Pask. „Der gesamte Mosaik- und Kachelschmuck ist jedoch absolut italienisch.“ Die Galleria ist vier Stockwerke hoch und dehnt sich über mehrere, sich kreuzende Einkaufsstraßen aus. Hier finden Sie interessante Geschäfte und hervorragende Restaurants, wie das Cracco. Aber es ist die Ausgestaltung, die Sie wieder und wieder hierher führen wird. „Der Lichteinfall ist so wunderschön, und der ganze Ort ist einfach grandios und spektakulär“, fasst Pask zusammen und merkt an, dass es die Details sind, durch die sich die Arkade von anderen abhebt. „In der Mitte ist im Boden ein Mosaik von einem Bullen zu sehen, einem „torrino“. Der Legende nach bringt es Glück, den Absatz seines Schuhs darauf zu stellen und sich dreimal um die eigene Achse zu drehen. Deshalb sieht man hier immer Besucher, die gerade das versuchen.“
1
Villa Necchi
„Die Familie, in deren Besitz die Villa Necchi ist, wurde als die Sängerin von Italien bezeichnet“, berichtet Architekt Brian Sawyer und bezieht sich damit auf die Schwestern Gigina und Nedda Necchi sowie Angelo Campiglio, Giginas Ehemann. Die Unternehmer bauten das Haus zwischen 1932 und 1935 und wohnten darin, bis es im Jahr 2000 in staatliche Obhut übergeben wurde. (Seit 2008 ist es als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich.) „Das Gebäude ist die Apotheose der italienischen Moderne“, so Sawyer. „Vermutlich ist es eines der interessantesten Beispiele für eine klassische italienische Villa, allerdings in moderner Ausführung.“ Filmliebhaber erkennen sicher die geraden Linien, die wunderschöne Palisanderholztäfelung und die großzügigen Badezimmer aus Marmor aus Luca Guadagninos Film I Am Love von 2009 wieder. Designbegeisterte kommen jedoch hierher, um das Werk des Architekten Piero Portaluppi zu bestaunen, dessen rationalistische Vision in diesem perfektionierten Bauwerk gipfelte. „Proportion und Maßstab der Villa sind durch und durch traditionell-klassisch“, führt Sawyer aus. „Die Materialität jedoch hebt sich deutlich davon ab. Wir sprechen zum Beispiel von Terrazzoböden im Badezimmer, die überraschende Verwendung von Marmor für Badewannen.“ Der rationalistische Stil entstand in den 1920er-Jahren unter Mussolini, und ist laut Definition eher „bieder“. „Unter den Händen der richtigen Person wurde daraus etwas Erlesenes“, meint Sawyer. „Die Villa ist ein Zeugnis der allerbesten italienischen Gestaltungskunst aus dieser Epoche. Alles an einem Ort: Architektur, Inneneinrichtung, Garten. Es bildet eine Einheit.“
2
Ristorante Cracco
Nach der Neugestaltung 2018 durch Studio Peregalli ist das richtungsweisende Restaurant mit Michelin-Stern unter Chefkoch Carlo Cracco der absolute Höhepunkt für hohe Kochkunst und Design. Das Cracco befindet sich in der Galleria (siehe unten) und reicht über ganze fünf Etagen. Tatsächlich sind es mehrere Restaurants in einem. „Je höher man kommt, desto edler wird es“, erläutert Jacqueline Terrebonne, Chefredakteurin bei der Zeitschrift Galerie. „Angefangen von einem Café mit Weinbar bis hin zum Fine Dining im Restaurant ganz oben, von wo Sie über das gesamte Einkaufszentrum blicken. Und das Essen ist beinahe so theatralisch wie die Interieurs, die für das Ristaurante geschaffen wurden“, fügt sie hinzu. Terrebonne gefallen das Mauerwerk des Restaurants und die vielen Spiegel. Vor allem aber begeistert sie die sich steigernde Ausschmückung der Räume von unten nach oben. „Im obersten Stock wird man von einer Holzvertäfelung in einem ausgewaschenen, ausgeblichenen Blaugrün empfangen, auf der bombastische Blüten in Blau-, Gelb- und Rosatönen prangen. Die Speiseräume werden von Gold und Spiegeln dominiert – auf Mailänder Art äußerst opulent und dabei doch elegant. Man fühlt sich in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt“, meint Terrebonne.
3
Museo Bagatti Valsecchi
Das Museo Bagatti Valsecchi lässt manche an eine Mailänder Ausgabe von Grey Gardens denken, doch mit einer gehörigen Dosis mehr Geschichte, mehr Geld und besserem Geschmack. Traditionell war es das Zuhause der Familie Valsecchi, das die Brüder Baron Fausto Valsecchi und Baron Giuseppe Bagatti Valsecchi seit den 1880er-Jahren mit Schätzen zu füllen begannen, die Italiens romantischste Epoche heraufbeschwörten. „Ende des 19. Jahrhunderts wurde es modern, Dinge herzustellen, die aussahen, als ob sie aus dem 16. Jahrhundert stammten. Und genau in diese Epoche fühlt man sich hier zurückversetzt“, erklärt Tom Delavan, Direktor für Design und Inneneinrichtung bei T: The New York Times Style Magazine. Bei einem Rundgang durch das Museum wirken die Gemälde aus dem 15. Jahrhundert, als wären sie Teil des Raumes, die übermäßig verzierten „cassones“ wurden wirklich zur Aufbewahrung genutzt, und die mächtigen Himmelbetten waren tatsächlich zum Schlafen gedacht. „Auch Rüstungen gibt es. Und wenn Sie sich für Holzarbeiten interessieren, sind die Deckendetails und Bettverzierungen faszinierend“, kommentiert William Hanley, Chefredakteur bei Dwell. „Eine Duschwanne ist mit geschnitzten Eidechsen verziert, und für mich zählen diese zu den dekorativsten Elementen der Kunst, die ich kenne“, führt er fort. Und das Beste: Das Haus wirkt ganz und gar nicht wie ein Museum. „Man hat das Gefühl, durch ein bewohntes Privathaus zu spazieren. Es wird deutlich, dass hier wirklich Menschen gelebt haben“, so Delavan.
4
Altai
Etwas nördlich der Innenstadt, um die Porta Garibaldi herum, findet sich eine Ansammlung aus kleinen Geschäften, Straßencafés und Fußgängerstraßen wie dem Corso Como. (Das Viertel erhielt seinen Namen nach dem Garibaldi-Tor, einem durch und durch neoklassizistischen Bogen). In der Via Pinamonte 6 stoßen Käufer und Käuferinnen auf Altai, einen Teppichhandel, der sowohl was Auswahl als auch Geschmack angeht, seinesgleichen sucht. Das Geschäft im Besitz von Raffaele Carrieri und seiner Frau Elisa zählt die renommiertesten Trendsetter Italiens zu seinen Kunden: Nino Cerruti, Alberto Aspesi sowie die Familie Agnelli. Hier finden Sie mit Sicherheit ausgesuchte, ungewöhnliche und wunderschöne Berber, Filze, Kelims sowie Vorleger aus der Sahara. Doch Raffaele und Elisa Carrieri sammeln und verkaufen nicht nur Teppiche, sie kuratieren in Zusammenarbeit mit Experten wie Museumshistorikern und Anthropologen zudem Ausstellungen mit Teppichen, die sie entlang der ältesten Handelsrouten der Welt entdecken. „Ganz ehrlich: Hier sehen Sie Dinge, die Sie nie zuvor zu Gesicht bekommen haben“, schwärmt Delavan. „Unter anderem fantastische Suzanis und Tülüs. Und während der Möbelmesse bietet das Geschäft den Rahmen für eine sagenhafte Ausstellung. Mit dem Ausgangspunkt einer bestimmten Art Teppich machen sich die Eigentümer auf die Suche nach den allerbesten Exemplaren: Sie pflastern das Geschäft buchstäblich mit Teppichen in Museumsqualität.“ Stellen Sie sich Altai wie ein Museum vor, in dem Sie die Gelegenheit haben, die Ausstellungsobjekte käuflich zu erwerben. Alternativ können sie sich hier auch einfach nur umschauen, was genauso viel Spaß machen und inspirieren kann.
5
Der Torre Velasca
„Der Torre Velasca ist unser „alternativer Dom“. Etwas anmaßend ausgedrückt vielleicht. Aber das Hochhaus macht etwas her“, meint Marco Velardi, Herausgeber und Mitbegründer der Zeitschrift Apartamento. Der markante Torre Velasca wurde 1958 fertiggestellt, und mit seiner Pilzform interpretierte er die Architektur einer traditionellen mittelalterlichen Burg oder Festung aus der Lombardei. Die Idee geht auf eine Gruppe Mailänder Architekten namens BBPR zurück, die versuchten, mit ihrer Version der wohl klassischsten aller großen architektonischen Bemühungen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schlagen. Die Reaktion auf die Enthüllung des Gebäudes war, kurz gesagt, brutal. Das Bauwerk wurde als Rückschritt für die moderne Architektur beschimpft und wird bis heute oft verlacht. „Die meisten haben eine Meinung dazu: Sie lieben es, ihren Hass auf das Hochhaus kundzutun“, erläutert Velardi. Wie es unweit des Duomo das Stadtzentrum überragt, scheint das gemischt für Gewerbe und Wohnungen genutzte Gebäude mit dem Finger auf alle traditionellen, wunderschönen Kuppelbauten zu zeigen, für die Mailand berühmt ist. „Es sticht aus der Menge heraus. Und in all seiner Absonderlichkeit lässt es sich im Mailänder Kontext tatsächlich als schön bezeichnen“, meint Velardi. „Allgemein wird es jedoch als Ausdruck eines brutalen Mailands gesehen, nicht des schönen.“ Im Jahr 2011 wurde der Torre Velasca als historisches Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.
6
San Carlo al Lazzaretto (und ein „Aperitivo“)
San Carlo al Lazzaretto wurde zwischen 1558 und 1592 erbaut und ist eine ungewöhnliche, achteckige Kirche im Renaissance-Stil. Sie ist unbedingt einen Besuch wert, doch der Innenarchitekt Eric Egan fordert Sie zusätzlich dazu auf, sich auch die nähere Umgebung anzusehen. „In Mailand wird die Tradition des „aperitivo“ zelebriert. Ich möchte Sie dazu ermuntern, Ihren Aperitif jeden Tag in einem anderen Stadtteil zu trinken“, schlägt er vor. Direkt neben San Carlo al Lazzaretto befindet sich die Bar Memà Cafè, mit Tischen am Straßenrand und kleinen sizilianischen Köstlichkeiten. Die benachbarten Gebäude bilden einen „Zusammenfluss von Geschichte und modernem Leben, Wange an Wange sozusagen“. Egan betrachtet die Tradition des Aperitivo als Ausdruck von Mailands Erfolg als Weltstadt, der in den 1990er-Jahren nach einem langen Dornröschenschlaf seinen Anfang nahm. Auch der Bereich um die Bar Radetzky am Largo Claudio Treves, am Rand des Stadtviertels Brera, gefällt ihm. Hier verbringt er gerne den Nachmittag und sieht dem Treiben der Mailänder aus allen Gesellschaftsschichten und jeden Alters auf dem Platz zu. „Der perfekte Ort, um Leute zu beobachten“, meint er.
7
Planetario di Milano
In den Parkanlagen an der Porta Venezia liegt das Planetarium, bei dem es sich um ein weiteres Gebäude von Piero Portaluppi handelt, dem Erbauer der Villa Necchi. „Es ist einfach wundervoll und mit genauso außergewöhnlichen Details geschmückt wie die Villa Necchi. Bei jedem Besuch entdeckt man etwas Neues“, meint Terrebonne. „Bereits die Fassade zeigt so viele Einzelheiten zu den Themen Planeten und Astronomie. Da sind zum Beispiel kleine Sterne, die wie ausgeschnitten wirken – auf beinahe kindliche, spielerische Art – und dabei doch außerordentlich komplex sind“, erläutert sie. Terrebonne möchte, dass Besucher auch die Farbgebung Portaluppis schätzen lernen: gelbe Mauerflächen und ein Dach in wunderschönem Kornblumenblau als Kontrast zum Travertin-Marmor des Gebäudes. „An der Seite fallen einem die ulkigen Fenster ins Auge, die um die Ecke gehen. Es gibt eine kleine Seitentür, und sämtliche Türen sind mit Schnitzereien verziert. Und alle diese architektonischen Erfindungen werden in einem Gebäude realisiert, dessen Fassade schlicht, klassisch und palladianisch ausgeführt ist.“
8
Die Galleria
„Immer, wenn ich in Mailand bin, gehe ich in die Galleria”, stellt Bruce Pask fest, Fashion Director für Herrenmode bei Bergdorf Goodman und Neiman Marcus. Die Galleria wurde 1877 eröffnet und umfasst zwei Arkaden, die von einem Dach aus Glas und Gusseisen überspannt ist und den Domplatz, Piazza del Duomo, mit der Piazza della Scala verbindet. „Eine äußerst prunkvolle Ausgabe der überdachten Einkaufspassagen, die wir aus London kennen, beispielsweise die Burlington Arcade. Auch in Paris gibt es sie in kleinerer Ausführung“, so Pask. „Der gesamte Mosaik- und Kachelschmuck ist jedoch absolut italienisch.“ Die Galleria ist vier Stockwerke hoch und dehnt sich über mehrere, sich kreuzende Einkaufsstraßen aus. Hier finden Sie interessante Geschäfte und hervorragende Restaurants, wie das Cracco. Aber es ist die Ausgestaltung, die Sie wieder und wieder hierher führen wird. „Der Lichteinfall ist so wunderschön, und der ganze Ort ist einfach grandios und spektakulär“, fasst Pask zusammen und merkt an, dass es die Details sind, durch die sich die Arkade von anderen abhebt. „In der Mitte ist im Boden ein Mosaik von einem Bullen zu sehen, einem „torrino“. Der Legende nach bringt es Glück, den Absatz seines Schuhs darauf zu stellen und sich dreimal um die eigene Achse zu drehen. Deshalb sieht man hier immer Besucher, die gerade das versuchen.“
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