RL – Fragen und Antworten: Shantell Martin
Die Künstlerin spricht über ihr neustes, in Kollaboration mit Ralph Lauren geschaffenes Wandbild, ihren persönlichen Stil und ihre Pläne für 2022Die für ihre charakteristischen Schwarz-Weiß-Kompositionen bekannte Künstlerin Shantell Martin wuchs im Sozialwohnungskomplex Thamesmead in London auf. Als Kind hielt sie die Welt um sie herum fest, indem sie mit einem Filzstift Stream-of-Consciousness-Zeichnungen kreierte, und später machte sie am Central Saint Martins einen Abschluss in Grafikdesign. Dann begann sie mit Live-Performance-Zeichnungen bei DJ Sets in den Nachtclubs von Tokio und zog schließlich 2008 nach New York City. Sie experimentiert mit Ideen wie Intersektionalität und Identität und ihre großen Gemälde – die voller Wortspiele, Gesichter und Strichmännchen sind – wurden im MoMA, im Brooklyn Art Museum, im Whitney und in der Albright-Knox Gallery ausgestellt. Sie hat außerdem mit dem New York City Ballet zusammengearbeitet, das Lincoln Center mit ihren Grafiken auf Leinwand gefüllt, und hat jetzt ihr erstes Ballett namens Kites choreografiert, das diesen März im Boston Opera House Premiere feiert. Zu gleichen Teilen Malerin und Philosophin testet sie mit ihren einfarbigen Strichzeichnungen stets die Grenzen der Kunstwelt aus – ganz zu schweigen von der Kombination ihres hemmungslosen, verspielten Stils mit neuen Medien.
Wir haben uns mit Shantell zusammengesetzt, um über den kreativen Prozess hinter ihrem neusten, in Kollaboration mit Ralph Lauren geschaffenen Wandbild sowie über ihren persönlichen Stil, die Künstlerinnen und Künstler, die sie momentan inspirieren, die Evolution ihrer Kunst und ihre Pläne für 2022 zu sprechen.
Erzählen Sie uns etwas über das neue Wandbild in Brooklyn.
Die Inspiration für das Design war der Black History Month im Februar. Ich wollte ein Werk kreieren, das schwarze Kulturlegenden feiert und mehrere Dinge gleichzeitig beleuchtet, und eines der Hauptthemen ist die Betrachtung des geschriebenen Wortes und seiner Macht. Ich habe in das Wandbild einfache und doch tiefgründige Zitate und Worte eingebaut, was ich auch in meinen eigenen Arbeiten oft mache. Für dieses Werk habe ich vier Zitate von Nella Larsen, Audre Lorde, Maya Angelou und James Baldwin ausgewählt, die alle auf ihre ganz besondere Art und Weise großartige Poeten und Autoren sind – und die Macht des Wortes erkennen bzw. erkannt haben.
Warum haben Sie genau diese Zitate ausgewählt?
Das erste Zitat „Spiritual Beauty” („Spirituelle Schönheit”) ist von Nella Larsen, die – genau wie ich – gemischt ist. Ich erkenne mich in ihr wieder, als jemand der halb weiß und halb schwarz ist und ich kann mich sehr gut mit ihren Werken identifizieren. In ihrem Buch mit dem Titel Seitenwechsel geht es darum, dass es ein Farbspektrum gibt – und dass, wenn wir Farbe weiterhin als schwarz und weiß betrachten, eine Wahl treffen und Seiten schaffen müssen. Doch wenn wir wählen müssen, dann bleibt kein Raum für Evolution. Ich habe auch das Zitat „If I can, I may.” („Wenn ich kann, dann möge ich.”) von James Baldwin hinzugefügt. Ich mag das Wort „may” („möge”), denn es impliziert Freiheit – und es ist wohlwollend. Es ist ein Wort, das ich in meiner Arbeit häufig verwende. Tatsächlich ist mein zweiter Vorname Mayu. Ich wollte aber auch Autorinnen mit einbeziehen, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind, wie zum Beispiel Audre Lorde. Sie sagte „I want to be recognized”. Ich möchte einfach nur anerkannt werden, nicht als dies oder das, sondern einfach nur anerkannt – als Mensch. Und dann ist da dieses großartige Zitat von Maya Angelou: „If a human being dares to be bigger than the condition into which she or he was born, it means so can you.” („Wenn ein Mensch es wagt, größer zu sein als das Leben, in das sie oder er hineingeboren wurde, dann bedeutet das, dass auch Sie es können.”) Ich liebe diese Idee, denn sie fühlt sich so universell an.
Wie haben Sie diese Zitate mit ihrem eigenen kreativen Prozess und ihrer Ikonografie verknüpft?
Ich habe diese Inspirationen mit den klassischen Zeichnungen von Shantell Martin verbunden. Ich habe diese Charaktere und diese einfachen Gesichter, die ich oft in meinen Illustrationen verwende, und sie sind immer im Gespräch oder im Dialog miteinander und mit dem Betrachter. Es gibt auch eine Reihe von Strichmännchen, die sich gegenseitig stützen, helfen, aufbauen. Sie bewahren die Integrität des Wortes und ihre Mission, nämlich alles und jeden zusammenzuhalten. Außerdem habe ich Hinweise auf Städte und Landschaften hinzugefügt, bei denen es um die Gestaltung der Zukunft und das Verstehen des Fundaments geht, auf dem alles aufgebaut ist. Die Sprache der von mir gewählten Ikonografie spiegelt diese Ideen wider, aber das Werk soll letztendlich verspielt, aufbauend und zugänglich sein. Ich denke, dass man so wirklich mit Menschen kommunizieren kann – und sie dazu inspirieren kann, über etwas nachzudenken, etwas zu tun, etwas nachzuschlagen oder etwas Neues auszuprobieren.
Welche Wirkung soll Ihr Wandbild auf den Betrachter haben?
Ich wollte ein Wandbild kreieren, das sich frisch, energisch und offen anfühlt, und mich fasziniert immer die Einfachheit der Dinge. Ich glaube, dass, wenn wir alle etwas kreieren, zeichnen oder hinterfragen, die Welt für alle zu einem besseren Ort wird. Hoffentlich inspiriert das Wandbild die Menschen, die zufällig daran vorbeilaufen oder es sehen, genau dazu.
Die Größe des Werks ist definitiv eindrucksvoll!
Ja, es ist größer und auffälliger geworden, als ich es mir vorgestellt hatte! Ich freue mich, mein Werk in dieser Größe zu sehen, denn so sollte es meiner Meinung nach gesehen werden. Ich habe das Werk mit einem dünnen Pinsel und schwarzer Acrylfarbe auf einer grundierten Holzoberfläche kreiert, denn Spühfarbe trocknet bei Frost nicht. Ich hoffe, dass es die Schönheit und das Wissen, das über die Grenzen von Rasse hinausgeht, zum Ausdruck bringt und dass es Menschen dazu motiviert, ihre Träume zu verwirklichen.
Ich möchte jetzt zu einem anderen Thema kommen und Sie bitten, Ihren persönlichen Stil zu beschreiben.
Ich würde sagen, mein persönliches Stil-Mantra ist, dass Kleidung bequem sein muss. Das heißt aber nicht, dass sie total leger sein muss. Seit Jahren trage ich diese eleganten weißen Oxfordhemden – und ich kann mich trotzdem in ihnen bewegen, zeichnen und so flexibel sein wie nötig. Aber meistens trage ich ein T-Shirt, Turnschuhe und Jeans. Wenn ich mich ein bisschen eleganter kleiden muss, dann ziehe ich ein Oxfordhemd an. Ohne eine Uniform ist man immer gezwungen, Dinge zu verändern, deshalb bleibe ich bei simplen Outfits.
Wie hat sich Ihr Stil im Laufe der Jahre entwickelt?
Er hat sich nicht verändert! Ich ziehe mich tatsächlich seit meiner Kindheit gleich an. Ich trage genau die gleichen Dinge, die ich als 10-Jährige getragen habe … und ich bleibe dabei! Als Kunststudentin am Central Saint Martins habe ich aber definitiv viel zu viel Geld für Jeans und coole T-Shirts ausgegeben.
Was gab den Ausschlag für Ihre Kollaboration mit Ralph Lauren?
Ralph Lauren ist eine dieser Marken, die man schon immer kennt – egal, ob man jemals etwas von Ralph Lauren besessen hat oder nicht. Ralph Lauren ist einfach legendär und hat eine solch einzigartige Identität. Für mich persönlich ist es eine Marke, zu der ich schon als Kind Bezug hatte. Sie steht schon immer für einen auffälligen und doch klassischen Stil, aber ich finde es toll, dass seine Designs nicht bieder, sondern leger sind.
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ralph denken?
Wenn man sich jemanden vorstellt, der amerikanischen Stil und den amerikanischen Traum verkörpert, dann ist Ralph Lauren ein perfektes Beispiel. Ralph Lauren ist eine Selfmade-Marke – die von einem Mann ins Leben gerufen wurde, der eine Vision hatte und mittlerweile dieses ganze Imperium geschaffen hat. Ich finde Geschichten wie die von Ralph sehr menschlich und glaubwürdig. Wenn man sich die Geschichte einer Marke wie der seinen anschaut, dann ist das sehr inspirierend.
Welchen Künstlerinnen und Künstlern sollte man aktuell folgen?
Gute Frage! Im Moment gefallen mir die Arbeiten von Kristin Kim und Kristjana S. Williams sehr gut. Und Janet Echelman – eine Künstlerin aus Boston, die diese großen, wunderschönen, drapierten Netze kreiert. Es gab eines am Flughafen in San Francisco.
Sie haben vor Kurzem eine Kollektion von NFTs veröffentlicht. Wie sehen Sie den aktuellen Zustand der Kunstwelt?
Ja, das habe ich! Ich finde NFTs interessant, denn bevor sie entstanden, gab es zwar all diese freiberuflichen Künstler und Illustratoren, aber niemand sah ihre Werke. Sie hatten keine Möglichkeit bzw. keine Plattform, um ihre Werke zu veröffentlichen. Jetzt gibt es eine Menge Leute, die Communitys schaffen, und einige von ihnen verkaufen sogar ihre Werke bzw. ihre Werke werden weiterverkauft. Ich finde, das ist eine wirklich tolle Sache.
Was steht bei Ihnen als Nächstes an?
Im Moment freue ich mich auf meine baldige Reise nach Boston, zur Weltpremiere des ersten Balletts, das ich choreografiert habe. Es heißt Kites und wird vom 3. bis zum 13. März im Boston Opera House aufgeführt. Ich gestalte das Bühnenbild und alles andere, von den Kostümen bis hin zur Choreografie.
Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, zu lernen, wie ich meine Zeichenkünste auf Bewegung und Tanz übertrage. Ich bin mittlerweile auch Teil der größeren Initiative, namens ChoreograpHER, durch die Frauen Aufträge bekommen, neue Stücke zu schaffen. So hat zum Beispiel die Haupttänzerin Tiler Peck ein Stück kreiert, sowie Melissa Toogood vom Merce Cunningham Studio und Lia Cirio vom Boston Ballet. Das sind einfach unglaubliche und inspirierende Frauen.
Ich mache auch meine eigene Musik auf SoundCloud. Ich habe eine ganze Reihe von Alben veröffentlicht. Ich spiele nie zweimal das gleiche und meine Musik ist – wie auch meine Kunst – ein wenig improvisiert, aber sie hat auch ein bisschen Struktur.
Toll! Sonst noch etwas?
Das Ballett ist das Wichtigste, aber ich freue mich auch riesig über meine Zusammenarbeit mit Critical Mass. Ich habe mit ihnen ein Artist-in-Residence-Programm namens CM: AIR gegründet, bei dem es darum geht, bessere Beziehungen zu schaffen, wenn Marken mit Künstlern zusammenarbeiten. Wir organisieren mit Leuten aus der Branche Gespräche am runden Tisch, teilen Ressourcen, identifizieren Probleme und Mängel und finden Lösungen. Bei der diesjährigen SXSW-Konferenz nehme ich an einer Podiumsdiskussion mit Val Carson von Critical Mass teil. Ich bin wirklich zufrieden mit diesem Programm, denn ich glaube, dass es große Auswirkungen für zukünftige Kunstschaffende haben kann. Diese Initiative wird die Veränderung hoffentlich noch globaler machen. Ich versuche immer, die Situation für nachfolgende Künstler zu verbessern.



